Zusammenbringen mit Nadel und Garn, ja welchem Garn?
Diesem da aus Omas Schatulle – fransig und Dick von DDR noch gestrickt, oder flauschig und zart von Aldi in braune kisten gesteckt?
Seidenfein muss er sein, rund um die Löchlein. Zartes Reißen- nimmer mit diesem Garn!
Zarter Faden, die Zeit verrinnt dich.
Mit einer Nadel finden wir die Öse – unmöglich in diesem hohen Alter! Nur mit den flinken Kinderhänden die Spitzen greifen gezielt flink und gelenkig mit Spucke abgerundet die garnfeine Spitze.
Nicht ausfransen lassen. Die Oma nickt beim gelungenen Einführen voll Stolz und Beachtung.
Was man den Enkel im Alter beigebracht trägt sich noch weiter.Was brachten die Kinder ihr?

Da nimmt die Großmama den Garn auf und näht und näht beisammen, was die Enkel ihr anbrachten.

Alte zerrissene Hosen, eingewaschene Shirts, zerrammelte Schuhe.
Die kann man doch nicht wieder vernähen! Das Annähen macht sie nicht besser!
Aneinander vernähen, was rein von Verstand nicht zusammengehört.
Schuhe an den Fersen aufgelöst, bröckelig wird der Synthetikstoff, Kunstleder aus Plastikplanen an ausgewaschene Kindheitsschlüpfer. Shirts deren Feinripp sich schlingelt an löchrige Tüllröcke- geschickt in die Stoffnetzte verwoben.
Die Oma näht zusammen, was angebracht wird. Wird es je Etwas nützen?
Enkel schütteln den Kopf. Stopfen, der Oma gefallen halber, die Garne ins Loch.
Eine Kette wird darausgemacht, zu einem Netz ausgearbeitet. Aus Kleidung, die angebracht wird.
Jeden Tag wird gestopft, den Garn in die Öse der Nadel, die Nadel in den Stoff, von einem Stoff in den Anderen!
Das ist wohl ne Werkstatt, muckierten sich die Nachbarn über das geschäftige Treiben. Sie müssen es ja jeden Tag von ihren Spitzenbevorhängten Graufensterscheiben aus sehen- wie die Kinder die Säcke anschleppen.
„Jaa,jaa,, die näht gerne und gut! “ hm, ja, übers Okkular nicken und Schütteln.
„Die macht doch bestinnt was fürs Ortsfest!“
„Jaja!Die war doch immer so führsorglich, hat auch zu DDR-Zeiten den Assis was zu essen gebracht, frisch geplättete Wäsche, den Müttern noch Ordnung beigebracht!“
„Doch all die Kleidung, das wird wohl ein Flüchtkingsprojekt sein! Sie bereitet die Kleidung gleich auf.“
“ Die Fragen ja jetzt auch immer nach Kleiderspenden und bringen dann Säcke voll mit Geschenken!Sogar beim Aldi sammeln die Jetzt schon!“
Zentrale Annahmestelle direkt gegenüber.
Augen sperrten sich auf, Ehre im Herzen gerührt, da nagt was am Herzen dran. Die Nadel, der Kaffee, der alte Treueschwur war durch die Wende gebrochen und löste aus ein“was mach ich nur“.
Schlucken, nicht mehr ducken.
Am Abendsbrotstisch fällt die Stimmung unterm tiefen Deckenlicht.
Klapperndes Tischgeschirr. Schielen zu Nachbars hinüber. Da wird wieder genäht.
Graubrot geschluckt vom weißblauen Teller. Butter darauf geschmiert.
„Da machen wir mit, Erna!“
Statt der Sportschau in die Kleiderschränke schauen, rauszerren was nicht mehr gebraucht wird.
„Na nicht deinen Winterpelz, den brauchts du doch noch“
Kopfschütteln, den kann man auch nachkaufen!
„Von deiner mageren Rente?“
„Ach komm…“
„Nein, nicht meinen Büstenhalter, so einen finde ich nie wieder! Du weißt doch ich habe solche Rückenprobleme!“
„Die schönen Socken, die habe ich dir aus dem Urlaub mit gebracht – darauf das Logo eines Schiffs.“
Am Ende des Abend Säcke gepackt, geschnürrt. In jedem Abteil des Leichtbetonbaus in Schränke gelinst und Tpten voll Spenden gepackt.
Wer wohl die meisten Spenden gibt?
Am nächsten Morgen Säcke herübergebracht, alle in eine Reihe gesetzt.
Blaue volle Säcke, Quadratische, aus denen die Sockenstränge herüberragen. Verschnürte Boxen, Handwagen mit Schuhen und Schlüpfern. Matratzenauflagen.
Aneinander gesetzt und genäht, die Nachbarn schaften die Spenden hinüber und dachten es bringe den Flüchlingen Gutes,
Ein Netz aus Spenden wurde gewoben, geflochten mit Nadel und Garn.
Oma wo ist deine Pille?
„Ach die habe ich wieder vergessen“
„Was macht ihr denn hier, ich bat dich doch nur mir die Kleider zu stopfen!“, klagte die Tochter sie an.
„ach so!!!“.

„Du gehörst bald wieder ins Altenheimm gesteckt“. Mit einer Demenzerkranung angeeckt.

Kein Flüchtlingsprojekt . Aber wenigstens ein Nachbarschaftsprojekt.

[Nora Müller]

Anmerkung: Da die Autorin zeitgenössisch (noch am Leben) ist, könnt ihr Euch (HIER KLICKEN) mit ihr in Kontakt setzen 😀