Bärenherz(en)

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Ok, ich weiß ehrlich gesagt selbst nicht so genau, warum ich das als wichtig empfinde über meinen Besuch im Kinderhospiz zu schreiben. Irgendwie war da gar nichts dabei. Vielleicht um Anderen diese doofe Angst zu nehmen, die ich heute hatte.

Ich unterrichte an der Uni Leipzig im Fachbereich WTH-S „Textiles Gestalten“. Und um den Studenten nicht nur Fähigkeiten zu vermitteln und die Ergebnisse im Anschluss in einer Schublade verschwinden zu lassen, ist es in jedem Semester das Ziel neu Erlerntes sinnvoll anzuwenden. Das geht am Besten, indem man direkt sieht, was man bewirken kann, also Etwas weiter gibt. Dadurch lernt man manchmal auch neue Leute kennen. Oder Orte. So wie heute.

Unter „normalen“ Umständen (–> was dann wohl einfach nur heißt, dass es mich nicht in irgendeiner Weise selbst betrifft) wäre ich wahrscheinlich nie in einem Kinderhospiz gelandet.

In diesem Jahr haben wir die tolle Möglichkeit in dem Kinderhospiz Bärenherz unser studentisches Projekt zu verwirklichen. Heute haben wir nach vorangegangenem Kontakt über Mail und Telefon ein erstes persönliches Treffen zum Austausch miteinander gehabt. Ich denke, dass ich war über die Maße aufgeregt. Oder angespannt. Irgendwie ist es beklemmend nicht zu wissen, was gefühlstechnisch in Einem schlummert und in einem Kinderhospiz vielleicht hochkommt. Vom Kopf her weiß ich, dass das eine sehr gute Sache ist einen Ort zu haben, an dem man als Angehöriger und Betroffener nicht allein gelassen wird, auf Andere trifft und sich austauschen kann. Vom Gefühl her blendet man solche Orte vielleicht einfach aus, weil sie nicht zum Alltäglichen gehören. So bin ich (anscheinend leider) auch und ich möchte dafür plädieren sich solchen Ängsten stellen. Vielleicht hilft es, wenn man seine eigenen Erfahrungen teilt.

Wir waren zu Zweit und wurden herzlich mit einem Kaffee empfangen. Das Haus ist schön gelegen und strahlt eine friedliche Ruhe und Geschäftigkeit aus. Es ist sehr schön eingerichtet. Eigentlich ist da gar nichts Angst einflößendes dabei und trotzdem war ich unsicher, was ich fühlen sollte. Irgendwie bin ich das Gefühl nicht losgeworden, dass es einem als Besucher in einem Hospiz schlecht gehen muss. Und Niemandem hilft. Mindestens Betroffen und erschüttert, sollte man sein, oder?“ Weil man selbst ja nicht betroffen ist. Und stattdessen haben wir ganz sachlich und konstruktiv Ideen ausgetauscht, als wenn nichts wäre.

Im Nachhinein bin ich fast sicher, dass das in direktem Zusammenhang mit den Reaktionen steht, die darauf gefolgt sind, wenn ich Jemandem davon erzählt , dass ich im Kinderhospiz ein Projekt plane. „Ich könnte das nicht!“ & „Das wäre mir dann doch zu krass!“ sind eigentlich durchgehend die Reaktion darauf. Bis auf Wenige, die mit solchen Einrichtungen schon Erfahrungen haben und das für eine gute Sache halten. Obwohl ich versuche ich ein vorurteilsfreier Mensch zu sein, hat es auch in mir ein Gefühl hinterlassen, als würde mir etwas ganz Schlimmes dort begegnen; es wäre nur noch nicht ganz klar wann und warum.

Ich habe heute zwischendrin öfter mal mit Beklommenheit und Tränen gekämpft, aber eigentlich nur aus maßloser Erleichterung darüber, dass diese diffusen Vorahnungen und Ängste, die ich irgendwie auch mit mir getragen habe, sich in keinster Weise bestätigt haben. Nicht mal im Ansatz. Was vielleicht auch damit zu tun hat, dass ich diese Ängste nicht mal in Worte fassen konnte. Und ich mich irgendwie auch über mich selbst wundern muss. Was hab ich denn erwartet?
Ich bin sehr dankbar über den heutigen Tag. Ich habe einen unglaublich netten Ort entdeckt, bin auf Menschen gestoßen, die sich über Zusammenarbeiten freuen und habe einen großen Pott an Ideen heraus getragen.

Vielleicht sollte man generell über Themen wie Tod mehr reden. Er ist zwar nicht mehr Tabuthema, aber dafür so privat, dass es einem komisch vorkommt damit in Kontakt zu kommen. Ich möchte gern Leute dazu ermutigen, sich die Chance auf ein angstfreies Herantreten an Neues nicht entgehen zu lassen.
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