Warum künftige Lehrer Spielzeug für Grundschüler entwerfen

LeipzigSo farbenfroh kann Wissenschaft sein, und das an einem grauen, kalten Februar-Nachmittag. 32 Förderpädagogik-Erstis der Universität Leipzig haben im Wintersemester in einem Seminar Spielgeräte, Zelte, Pflanzschalen, Sitzsäcke, sogar ein riesiges Mensch-Ärger-Dich-Nicht-Brett aus Stoff zum Thema „Dschungelbuch“ entworfen, gefertigt – und das Ganze jetzt zwei Leipziger Schulen geschenkt. „Sagenhaft!“, bedankt sich Yvonne Rödiger-Fliegel von der Grundschule Auguste in Anger-Crottendorf. Hinter ihr galoppieren gerade zwei Schülerinnen vorbei. Sie haben sich eines der Pferdegeschirre zum Spielen geschnappt, die eine Gruppe der Studierenden in Makramee-Technik geknüpft hat. „Das haben wir quasi bestellt“, sagt die Hortnerin und lacht.

Zu Semesterbeginn recherchierten die angehenden Pädagogen vor Ort, was sich die Kinder wünschen. Auf der 74. Grundschule, die unmittelbar an die Auguste-Schule angrenzt, erfuhren sie auf dem Hof beispielsweise, dass dort Rückzugsorte vermisst werden. „Höhlen und andere Verstecke“, berichtet die 20-jährige Studentin Elina Stein vom damaligen Pausengespräch. „Damit die Lehrer nicht immer alles beobachten“, fügt ihre gleichaltrige Kommilitonin Bich Vu hinzu. Aus Stoffen, Seilen und Abflussrohren stellten sie ein mobiles Zelt her, das nun an einem Schaukelgestell hängt. „Die Konstruktion ist einfach auseinanderzunehmen und waschbar“, erklärt Lukas Heindorf, 22, der ebenfalls mitgewerkelt hat. 40, 50 Stunden hat die Fertigung gedauert, schätzt Igor Truschenski. „Zuletzt zwölf Stunden am Stück“, sagt der 23-Jährige.

Das Lernziel, das die Erziehungswissenschaftliche Fakultät mit dem Lehrangebot verfolgt, ist vielgestaltig. Zunächst einmal hat die Leipziger Modedesignerin Schrüppe McIntosh den Studis schlicht Nähen, Stricken, Häkeln, Makramee und Möglichketen beigebracht, ausgediente Stoffe für einen neuen Gebrauch aufzuwerten. „Am ersten Tag blickte ich in leere Gesichter“, erinnert sie sich. „Aber jetzt sind alle total stolz, was sie geschafft haben.“

 

„Lernen durch Engagement“

In einem Unterrichtsfach, das in Sachsen „Wirtschaft, Technik, Haushalt und Soziales“ heißt, werden sie die Techniken später als Lehrer an ihre Schüler in Mittel- und Förderschulen vermitteln, um laut Lehrplan sowohl deren Alltagskompetenz zu vergrößern als auch Anstöße für die Berufswahl zu geben. Aber nicht nur das: Sowohl das Schulfach als auch das Uni-Angebot folgen darüber hinaus einem pädagogischen Ansatz namens „Lernen durch Engagement“ (LdE). Die Fachliteratur bezeichnet das Konzept auch als „Service Learning“.

Statt für die Schublade zu basteln, sollen sich die Studierenden – und bestenfalls später ihre Schüler – mit ihrer Kreativität in die Gesellschaft einbringen, erklärt Jana MarkertJunior-Professorin an der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät. In vergangenen Semestern sind auf diese Weise bereits ein „Grünes Klassenzimmer“ im Wildpark und ein Geschwisterraum im Kinderhospiz Bärenherz entstanden. An der Schule soll das LdE-Konzept „die soziale Teilhabe der Schüler fördern und damit zur Demokratiebildung beitragen“, erläutert Markert. An der Hochschule erleben die künftigen Lehrer am eigenen Leib, welche Schwierigkeiten ehrenamtliches Engagement mit sich bringt, das sich nach Bedürfnissen des wahren Lebens richtet. Aber auch, wie zufrieden es macht, wenn am Ende zum Beispiel zwei Siebenjährige über den Hof galoppieren.

„Jetzt hat sich die Arbeit gelohnt“, jubelt die 23-jährige Anna Begemann, als sie sieht, wie prima die Stoffverkleidung, die sie mit vier weiteren Seminarteilnehmern genäht hat, auf das dafür bestimmte Klettergerüst im Garten der 74. Grundschule passt. „Was ich hier gelernt habe? Ausdauer, Durchhaltevermögen, Frustrationstoleranz“, sagt die Studentin Tessa Flohr, 23. „Und dass es am Ende trotzdem gut ausgeht – davon kann ich hadernden Schülern mal aus erster Hand erzählen.“

 

Ausrangierte Seile aus der Kletterhalle

Zu dritt haben sie ein Wurfspiel genäht, bei dem etwa eine Banane zum Affen, eine Biene in eine Blüte und eine Spinne ins Netz finden müssen. Einen wesentlichen Rohstoff für das Spielzeug besorgten sie sich auf eigene Faust: Eine Leipziger Kletterhalle schenkte den Studentinnen ausrangierte Seile. „So eine Erfahrung ist wichtig“, findet Erziehungswissenschaftlerin Markert. „Denn auch später an der Schule werden die Materialien nicht immer gleich in der nächsten Ecke bereitliegen.“ Seminarleiterin Antje Wagner benotet jedoch keineswegs die genähten, gehäkelten und geknüpften Werkstücke. Vielmehr müssen die Studierenden bis zum Ende der Semesterferien in Texten und Bildern auf maximal 25 Seiten ihren Lernprozess und Erkenntnisgewinn dokumentieren.

Wenn Svenja KrummeSusann Wagner und Marvin Kuhlmey über ihr Projekt „Urban Garden“ schreiben, wird vermutlich Flexibilität eine besondere Rolle spielen. „Wir mussten alles mehrfach umschmeißen“, gibt der 30-jährige Student zu. Der Auftrag lautete, für die Auguste-Schule einen Sichtschutz an einer Stelle am Zaun zu entwickeln, an der kein Grün gedeiht. Doch ihr erstes Konzept enthielt für ein Seminar in textiler Fertigung zu viel Holz und zu wenig Stoff. Ihre jetzigen Tuchschalen strahlen mit ihren Tiermotiven zwar wunderbar bunt und bieten zudem einen Nährboden für Pflanzen. Sie sind aber alles andere als blickdicht. „Macht nichts“, sagt Kuhlmey. Im Sommersemester steht Holzverarbeitung im Förderpädagogik-Stundenplan: „Da verwirklichen wir unsere ursprüngliche Idee.“

Von Mathias Wöbking

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