Vortrag „Moderne Sklaverei in indischen Spinnereien“

© Alessandro Brasile www.cleanclothes.at

Studie: Ausbeutung durch das Sumangali-System

MITTWOCH, 18.Mai von 9.30 Uhr bis 11 Uhr
im Vortragsraum der Burg-Bibliothek, Neuwerk 7

INFOS:
Die Wissenschaftlerin Dr. Anibel Ferus-Comelo, Autorin einer Studie und Soziologin aus Goa, sowie Mary Viyakula, Mitarbeiterin der NGO SAVE (Social Awareness & Voluntary Education) berichten über das Sumangali-System und die damit in Verbindung stehenden Menschenrechtsverletzungen.  Sie berichten über die Zustände in den Spinnereien Tamil Nadu und geben persönliche Einblicke.

Die Liste ausbeuterischer Systeme in der Textilbranche ist um eine Methode erweitert: Sumangali. Übersetzt heißt es in etwa ‚die glückliche Braut‘ und bildet eine Form moderner Sklaverei. Mädchen und junge Frauen – häufig aus der Kaste der Dalits, den ‚Unberührbaren‘ – werden für drei Jahre und mehr an Textilfabriken im Süden Indiens verpflichtet. Am Ende der Arbeitszeit, die nur selten durch Verträge geregelt ist, gibt es eine Prämie, oft nur wenige hundert Euro, die als Brautpreis dienen soll. Hält ein junges Mädchen die Vertragszeit mit unmenschlichen Arbeitsbedingungen nicht durch, hat sie keinen Anspruch auf Auszahlung der Prämie. Das Sumangali-System ist in Indien gesetzlich verboten, doch gerade auf dem Land und bei ärmeren Familien noch weit verbreitet.

Der Vortrag findet auf Englisch statt.

Der Vortrag ist für alle offen!

Quelle

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NACHTRAG, 22.05.2016
Mit freundlicher Unterstützung der Vortragenden darf ich auszugsweise meine Mitschriften und die Fotos aus dem Vortrag veröffentlichen. Im Anschluss an den Vortrag wurde Informationsmaterial ausgelegt, auf das ich mich ebenfalls stütze.

Vorab: Ziel des Vortrags ist es, die zukünftigen Mode- und Textildesigner auf die Situation in Indien (weltweit größter Baumwolllieferant und billigstes Produktionsland) aufmerksam zu machen. Ebenfalls wurde sehr deutlich gemacht, wie wichtige es ist, dass Schaffende ihre komplette Produktionskette und die Bedingungen unter denen produziert wird, kennen. Es ist wichtig Fragen zu den Produkten zu stellen, die man kauft. Die großen Ketten, wie Tschibo, H&M, Aldi, Lidl, C&A, KIK,…sie alle lassen in Billiglohnländern wie diesem produzieren und werden erst anfangen etwas daran zu ändern, wenn die Konsumenten nicht nur Interesse am Preis, sondern auch an der Herstellung der Produkte äußern.
Der Vortrag konnte keine Antwort auf die Frage nach den Alternativen geben. Bisher gibt es keine Fabrik, die für gute Arbeitsbedingungen, gute Löhne u.s.w.  einsteht.

Das finde ich persönlich sehr schade, denn ich würde es hilfreich finden einen Ansprechpartner zu haben und zu wissen, dass ich mit meinem Kauf dort direkt etwas Positives unterstütze.

Persönliche Anmerkung:
Was geht mich das an, was in Indien passiert?

Diesen Satz höre ich immer wieder. Dabei gilt es zu Bedenken, dass die Qualität in der andernorts produziert und gearbeitet wird, auch uns hier in Deutschland ganz direkt betrifft. Die Gesetze im asiatischen Raum, die Produktionsbedingungen betreffend (Umwelt-, Arbeitsschutz, Kontrollen), sind im Vergleich zu westlichen Ländern so locker oder gar nicht vorhanden, dass Unternehmen von hier dort weitgehend anonym und unvergleichlich günstig herstellen lassen. Fehlende Kontrollen, Intransparenz und Unwissen führen neben menschenunwürdigen Bedingungen und Umweltkatastrophen vor Ort auch zur Verwendung von Giften, die hier niemals zugelassen wären. Diese gelangen durch das Waschen der Kleidung auch in unser Trinkwasser. Außerdem lösen sich Krankheiten, wie Krebs und Allergien aus. Selbst wenn wir Kleidung nicht waschen würden- das Verschiffen (Einsprühen der Kleidung mit Insektiziden zum Schutz vor Motten, etc.) führt dazu, dass Schadstoffe ausdünsten und Gifte in unsere Atemwege und durch die Haut in den Körper gelangen. Textil funktioniert global- die Auslagerung der Produktion heißt nicht, dass wir von den Auswirkungen verschont bleiben.

Vortrag (13 Folien, anschließend die deutsche Zusammenfassung)

Burg Giebichenstein Vortrag

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Wie sieht das Sumangali- System aus?

Sumangalie bedeutet übersetzt „stolze Braut“. Dieser Begriff ist mittlerweile allerdings aufgrund seines schlechten Beigeschmacks in „Camp Labour“ geändert worden.

Der Bildungs- und Lebensstandard in Indien ist nicht mit dem in Deutschland zu vergleichen. Die Ärmsten der Armen sind gezwungen einen Weg zu finden, ihre Töchter zu verheiraten und für die Mitgift aufzukommen. Das macht es den Fabriken sehr leicht, in den Dörfern die bildungsfernen Eltern davon zu überzeugen, ihre Töchter als Arbeiterinnen in die Spinnereien zu schicken. Ungefähr 80% der Fabrikarbeiter in der indischen Textilindustrie sind weiblich. Schätzungsweise sind das 400.000 Frauen.

Versprochen wird den geköderten Mädchen nach Ablauf einer Frist von 3-5 Jahren die Auszahlung eines Betrages, der ihnen eine Heirat ermöglichen soll. So landen Mädchen zwischen 12-20 Jahren in sogenannten „Labour Camps“. Es gibt keine offiziellen Statistiken, wie viele Mädchen unter diesen Bedingungen arbeiten müssen. Schätzungen gehen von 120.000- 400.000 Mädchen aus.

Die Versprechungen entpuppen sich als 10-16 Stunden Tage ohne Pausen, mit bewachten, zeitlich geregelten Toilettengängen, schlechter Nahrungsversorgung (ca. 1500 Kalorien, statt der empfohlenen täglich  3000 Kalorien für die schwere Arbeit) und „Hostels“, deren Ausstattung in den 10-20 Personenräumen  aus Decken besteht. Die Fabrikgelände sind abgeschlossen. 1 Malim Monat dürfen die Mädchen überwacht vom Gelände, Kontakte zur Familie und zu Freunden werden unterbunden. Telefonate sind einmal die Woche unter Aufsicht möglich. Die Mädchen in den Fabriken sind ihren Aufsehern ausgeliefert- Missbrauch jeglicher Form ist an der Tagesordnung. Es gibt keine Verträge, sondern nur mündliche Vereinbarungen- bei vorzeitigem Abbruch der Laufzeit aufgrund gesundheitlicher Beschwerden oder Krankheit wird den Mädchen nichts ausgezahlt. Es gibt keine Unterstützung bei Verletzungen und Verstümmelungen durch fehlende Schutzmaßnahmen in den Fabriken. Ohne Vertrag können die Mädchen keine rechtlichen Ansprüche geltend machen. Sie sind faktisch Rechtlose.
Besonders Nachtschichten, die den regulären Schichten hinzugefügt werden und die damit verbundene Erschöpfungszustände der Mädchen sorgt für Unfälle. Ungefähr 80% aller Unfälle lassen sich darauf zurückführen. Viele Mädchen arbeiten Überstunden in dem (Irr-)Glauben diese am Ende auch bezahlt zu bekommen. Mehr Arbeit bedeutet nicht mehr Lohn. Der Pauschalbetrag am Ende der Zeit erhöht sich nicht.
Der stetige unerträgliche Lärm in den Spinnereien, der sexuelle, verbale und physische Missbrauch durch die Aufseher (Mädchen, die nicht als Jungfrau in die Ehe gehen können, werden oft auch von ihren Familien verstoßen- einer der Gründe, warum Vergewaltigungen nicht angezeigt, sondern hingenommen werden) und die unerträglichen Bedingungen sorgen für Tötungen in den Fabriken. Mädchen erhängen sich. Frau Mary erwähnte 6 erhängte Mädchen in nur einem Monat. Abbruch des Arbeitsverhältnisses ist nur durch Flucht möglich.

Neben der „Forced Labour“- also der Arbeit, die man direkt der „Zwangsarbeit“ zuordnen kann, unterscheidet man auch in „Bonded Labour- Schuldknechtschaft“. Hier bei wird den Eltern eine Teilsumme des Lohnes vorab gegeben und die Mädchen müssen ihren Betrag abarbeiten, bevor sie die Fabriken verlassen können. Da hier vorab gezahlt wurde, haben die Mädchen keine Chance aus dem Arbeitsverhältnis auszusteigen. Einige können über die Mauern des Fabrikgeländes flüchten und landen bestenfalls in Organisationen wie „Save“. Viele töten sich selbst.

Die Pauschalsumme am Ende der Laufzeit ist übrigens Augenwischerei. Sie macht circa 20% des gesetzlichen Mindestlohnes aus. Die Mädchen verdienen ca. 1€ am Tag bei einer staatlichen Empfehlung von 3.90€ Minimum. Die Alternativen dieser Mädchen zu den Spinnereien sind nicht nennenswert.

Was sind die Forderungen, um diese Situation zu verändern?

Das „Labour System“ muss gestoppt werden. Es sollte eine Mindestgrenze für die Mitarbeiter auf 18 Jahre ausgeschrieben werden. Die Vertragslaufzeit sollte auf 6 Monate begrenzt werden. Auch Frauen sollten in höheren Positionen arbeiten können. Die Einhaltung von Gesetzen, die es zum Schutz der ArbeiterInnen gibt, sollten durchgesetzt und auch kontrolliert werden. 

Wie kann unser Beitrag zu einer Verbesserung aussehen?

Wir sollten damit beginnen nachzufragen, unter welchen Bedingungen produziert wird. Oftmals wissen das die Händler selbst nicht. Stetiges Interesse wird auch sie dazu bewegen für dieses Thema sensibilisiert zu werden. Nachfragen, was unsere Lieferanten ihrerseits tun, ob ihre „Kette“ zu überprüfen. Anstelle einer Abwärtsspirale durch Konkurenzdenken und gegenseitigem Unterbieten durch Preisdumping sollte ganz aktiv zur Zusammenarbeit beigetragen werden. Am Ende bringt das uns Allen was.

13./14.10.Oktober inDüsseldorf:
25€ Eintritt
FemNet Konferenz zur Unternehmensverantwortung